Gender Studies oder: Lyssenko lebt

Daß die Gender Studies besonders in den Geisteswissenschaften immer mehr Einfluß gewinnen, ist kein neues Phänomen. Ihre bestimmende Rolle bei der Verständigung darüber, was gesellschaftliches Sein ist (oder sein soll), nimmt inzwischen aber Formen und Ausmaße an, die mich dazu bewogen haben, mich endlich mal intensiver als bislang mit diesem Phänomen zu befassen. Den Anfang machte die Lektüre eines Aufsatzes von Christiane Kanz mit dem Titel „Differente Männlichkeiten. Kafkas ‚Das Urteil‘ aus gendertheoretischer Perspektive“, den ich u.a. zur Vorbereitung des Kafka-Seminars las, das ich im laufenden Wintersemester anbiete. Frau Kanz, die seit 2017 als Hochschulprofessorin für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule in Linz lehrt, schreibt etwa:

 

„Ausgangspunkt der Gender-Studien ist die These, dass die von jedem und jeder gelebte, täglich neu reproduzierte Geschlechtsidentität (gender) nichts anderes ist als ein kunstvoll-künstliches Gewebe von Vorstellungen, Projektionen, Zuschreibungen und Bildern.“ (In: Oliver Jahraus, Stefan Neuhaus, Hg.: Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart: Reclam 2002, S. 152.) Dieses Referat ist zutreffend. Judith Butler, deren Buch „Gender Trouble“ (1990) in der Literaturliste von Frau Kanz aufgeführt wird, geht indes noch weiter: Für Butler ist auch das Körpergeschlecht (sex) diskursiv erzeugt und kann daher dekonstruiert werden.

 

Der in Kassel und Stanford lehrende Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera behauptet in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschtypen“ (Münster: LIT Verlag 2016) dagegen, weder die eine noch die andere Position sei (natur-)wissenschaftlich haltbar. Seine wesentlichen Argumente: Das Geschlecht werde beim Menschen von einem SRY-Gen unter Beteiligung von 200 bis 300 weiterer Gene bestimmt, die insgesamt bewirkten, daß 99 % aller Menschen entweder als Mädchen (XX) oder Junge (XY) zur Welt kämen. Beim verbleibenden 1 % fehle das das geschlechtsdeterminierende Gen oder sei inaktiv, so daß keine klare Geschlechtsidentität ausgebildet werden könnte (das ist jene Gruppe von Menschen, denen das Bundesverfassungsgericht in der vergangenen Woche zugestanden hat, sie habe ein drittes Geschlecht). Die genetische Differenz bei den anderen 99 % mache sich in unterschiedlichen Geschlechtsorganen, einem unterschiedlichen Körperbau, einem unterschiedlichen Verhältnis von Muskelmasse und Körperfett, einem unterschiedlichen Hormonhaushalt und einer unterschiedlichen Gehirnmorphologie bemerkbar. Insgesamt lasse sich zwischen Männern und Frauen eine genetische Differenz von 1,5 % feststellen (während die Differenz zwischen verschiedenen Männern und verschiedenen Frauen nur jeweils 0,1 % betrage), die auch ursächlich sei für unterschiedliche geschlechtsspezifische Verhaltensdispositionen. Unbestreitbar sei zwar, daß Umwelteinflüsse modifizierend eingreifen können, es also eine „phänotypische Plastizität“ gebe, die aber sei bei weitem nicht so weitreichend wie es von Vertretern der Gender Studies behauptet werde. 95 % aller Menschen bilden vielmehr weltweit eine Heteronormalität aus, während 4 % schwul, lesbisch oder transsexuell seien und damit populationsbiologisch die Ränder der Variabilität innerhalb einer Normalverteilung bildeten.

 

Auch für die 4 % Abweichung von der Heteronormativität behauptet Kutschera genetische Gründe, obwohl es bislang nicht gelungen ist, Homosexualität genetisch zu lokalisieren. Diese Behauptung würde ich daher vorerst nur als Hypothese gelten lassen. Problematisch erscheint mir desgleichen, daß Kutschera die (natur-)wissenschaftlich unhaltbaren Postulate der Gender Studies immer wieder mit dem evangelikalen Kreationismus vergleicht, der die Ergebnisse der Evolutionsbiologie nicht akzeptiert. Das hat zwar polemischen Witz, weil die evangelikalen Kreationisten der politischen Rechten zugerechnet, die Gender Studies dagegen von der politischen Linken promoviert werden, aber weniger Polemik würde der Überzeugungskraft der von Kutschera eindrucksvoll durch unzählige (natur-)wissenschaftliche Fallstudien belegten Zahlen und Zusammenhänge vermutlich noch mehr Gewicht verleihen.

 

Sehr erhellend ist Kutscheras Hinweis, daß die Postulate der Gender Studies nicht auf Judith Butler, sondern auf den US-amerik. Psychologen John Money zurückgehen, der den versehentlich genital verstümmelten eineiigen Zwilling Bruce Reimer mit Zustimmung seiner Eltern operativ, medikamentös und mit educativen Maßnahmen zu einer Frau machen wollte. Das Ziel Moneys war dabei u.a. der definitve Beweis, daß Menschen als Unisex-Wesen geboren und erst sozio-kulturell entweder zum Mann oder zur Frau gemacht werden. Dieser Beweis wurde jedoch nicht erbracht, im Gegenteil: Nachdem die Eltern den anhaltenden Widerstand des nun Brenda genannten Kindes gegen eine weitere ärztliche Behandlung nicht mehr weiter brechen wollten und es über die erfolgte Kastration aufklärten, ergab für „Brenda“ schlagartig „alles einen Sinn“: „Ich fühlte so, wie ich wirklich war ‒ ich bin eigentlich ganz normal“. „Brenda“ entschied sich sofort für eine operative und medikamentös unterstütze Geschlechtsumwandlung zum Mann. David, wie er sich nun nannte, war freilich zeugungsunfähig, und er blieb auch schwer depressiv. Er nahm sich schließlich das Leben.

 

Volker Zastrow hat schon 2006 über diesen erschütternden Fall ausführlich und eindrucksvoll in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichtet (www.faz.net/aktuell/politik/gender-mainstreaming-der-kleine-unterschied-1329701.html). Weder von Zastrow noch von Kutschera wurde jedoch bemerkt, jedenfalls nicht erwähnt, daß die Obsessionen John Moneys große Ähnlichkeit mit denen des sowjetischen Agrarwissenschaftlers Lyssenko haben, der sich ebenfalls sicher war, die Eigenschaften von Lebewesen würden nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt. Die Umsetzung seiner Thesen in der Landwirtschaft sowohl der Sowjetunion als auch der Volksrepublik China hatte Mißernten zur Folge, die wiederum zu Hungernöten führten (dazu sehr instruktiv: Shores Alexandrowitsch Medwedew: Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert. Hamburg: Hoffmann und Campe 1971).

 

Den Fall Lyssenko und den Fall Money kennzeichnet gleichermaßen, daß beide Einzelkämpfer waren. Das unterscheidet sie von der derzeitigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland, denn es gibt hierzulande zur Zeit rund 200 Professoren, die für nichts anderes bezahlt werden als Gender Studies zu betreiben, Gender-Studies-Ergebnisse zu lehren und das Gelehrte bei ihren Studenten abzuprüfen. Sie flankieren die Arbeit von Verbänden, die durch Lobbyarbeit darauf hinzuwirken versuchen, daß die Lehrpläne schon an den Schulen gendergerecht ausgestaltet werden. In Baden-Württemberg wäre das beinahe geglückt (https://de.wikipedia.org/wiki/Kontroverse_um_den_Bildungsplan_2015_(Baden-Württemberg). Und wäre es tatsächlich geglückt, Lyssenko und Money hätte das zweifellos gefreut.

 

Nachtrag am 18.11.2017: Einen aktuellen Situationsbericht gab vor acht Tagen Thomas Thiel in der FAZ: plus.faz.net/geisteswissenschaften/2017-11-08/der-konformismus-des-andersseins/76841.html.