18. März 2019
Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 304 S. Es ist keine proustische Genauigkeit, die der Erzähler in Julian Barnes Roman anstrebt, obwohl auch er seine Lebensgeschichte erinnern und erzählen will. Im Gegenteil: Dieses Erinnerungsprojekt ist mit Vorsatz ungenau, und der Erzähler erhebt gleichwohl den Anspruch auf Wahrheit: "[I]ch folge meinen Erinnerungen an die Vergangenheit, ich rekonstruiere sie...
16. Januar 2019
I. Vorbemerkung Es ist überhaupt nichts Neues, wenn in Deutschland die Gefahr einer „Überfremdung“ und die Notwendigkeit einer „Rettung des Abendlandes“ beschworen wird. Es war auch nicht allein dem sogenannten Dritten Reich vorbehalten, jeder Form des Eindringens von „Artfremdem“ in das deutsche Volk einen entschlossenen Kampf anzusagen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts forderte Ernst Moritz Arndt, er wünsche „den germanischen Stamm“ von „fremdartigen Bestandteilen...
28. August 2018
Liebesgeschichten, die glücklich enden, sind in der Literatur sehr selten. Daniel Kampa hat zwar in einem Sammelband für Diogenes („Happy Ends. Liebesgeschichten, die gut ausgehen“; detebe 24161) gleich elf solche Liebgeschichten versammelt (unter ihnen immerhin auch eine von T. C. Boyle), aber in der Hochliteratur dominieren in diesem Sujet wie in der Oper die traurigen oder gar tragischen Enden. Glück ist literarisch wie musikalisch offenbar nicht ganz so ergiebig. Und natürlich...
20. Juli 2018
Das Portrait: Terézia Mora (Der Text ist 2009 im Literaturblatt Baden-Württemberg erschienen; hier nochmals aus gegebenem Anlaß) Wer im Literaturbetrieb der Bundesrepublik seine Weltoffenheit und Toleranz unter Beweis stellen will, kann das ganz leicht dadurch tun, dass er sich für „Autoren mit Migrationshintergrund“ besonders aufgeschlossen zeigt. Das Deutsch von dergestalt rubrizierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern mutet zwar mitunter genauso exotisch an wie die...
16. März 2018
Vorbemerkung „Ein Bewußtsein denkt, was es denkt ‒ das und nichts anderes“, heißt es in einem Aufsatz von Niklas Luhmann.[1] Hirnforscher können inzwischen sagen, welche Gehirnregionen besonders aktiv sind, wenn wir denken. Was wir denken, wenn wir denken, können sie aber nicht beobachten. Beobachten können auch sie nur Kommunikation. Immerhin hat die belletristische Literatur der Neuzeit Formen entwickelt, in denen wir die Simulation eines Bewußtseinsstroms beobachten können. Das...
14. März 2018
I. Vor einem halben Jahr zeigten sich nicht wenige Literaturkritiker in Deutschland verstört. Einige reagierten geradezu mit Abscheu. Was war passiert? Uwe Tellkamp, der Gewinner des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs 2004, hatte seinen zweiten Roman veröffentlicht. Seine Protagonisten sind Rechtsintellektuelle, die zur Analyse der gegenwärtigen deutschen Zustände ohne jede Scheu aus dem Arsenal konservativ-revolutionärer Literatur von Nietzsche bis hin zu Ernst Jünger schöpfen. „Die...
25. Januar 2018
Der Literaturwissenschaftler Peter J. Brenner hat ein Buch über die Religion in der Migrationsgesellschaft veröffentlicht, bei dem man sich zunächst fragen könnte, warum ausgerechnet ein Literaturwissenschaftler sich diesem, seinem Fach auf den ersten Blick nicht zugehörigen Thema widmet, und warum hier ein anderer Literaturwissenschaftler es nun auch noch zum Anlaß nimmt, es zur Lektüre zu empfehlen. Über die Motive von Brenner will ich nicht spekulieren, aber über meine eigenen kann...
26. Dezember 2017
… passierte, was ich seit einiger Zeit befürchtete und kommen sah: die erste Aufforderung (eines übrigens sehr netten Kollegen aus Frankfurt), einen Pressetext in „politisch korrektem Deutsch“ mitzuverantworten. „Politisch korrekt“ meinte in diesem Fall, nicht statt „Schriftsteller, Lektoren, Theaterleiter und Regisseure“ „Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Lektorinnen und Lektoren, Theaterleiterinnen und Theaterleiter sowie Regisseurinnen und Regisseure“ zu schreiben,...
07. Dezember 2017
Vorbemerkung Es ist befremdlich, wie sehr die Rezeption der Werke Kafkas davon bestimmt wird, nach biographischen Parallelen zu suchen und zu glauben, im Wiederfinden solcher Parallelen auch einen Schlüssel zu seinem Werk gefunden zu haben. Daß Elemente der eigenen Biographie Kafka nur als Material für Texte gedient haben könnten, um Artistik zu betreiben, und daß das Identifizieren der biographischen Reminiszenzen möglicherweise also völlig nebensächlich ist, kommt Interpreten, deren...
15. November 2017
Daß die Gender Studies besonders in den Geisteswissenschaften immer mehr Einfluß gewinnen, ist kein neues Phänomen. Ihre bestimmende Rolle bei der Verständigung darüber, was gesellschaftliches Sein ist (oder sein soll), nimmt inzwischen aber Formen und Ausmaße an, die mich dazu bewogen haben, mich endlich mal intensiver als bislang mit diesem Phänomen zu befassen. Den Anfang machte die Lektüre eines Aufsatzes von Christiane Kanz mit dem Titel „Differente Männlichkeiten. Kafkas ‚Das...

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