19. Februar 2021
In Christoph Türckes Buch, das vom Gendern handelt, ist vom Gendern auf den ersten 120 Seiten noch gar nicht die Rede. Die Rede ist hier vielmehr davon, was jene Natur sei und wie sie ideengeschichtlich gedeutet wurde, deren Bedeutung in der Gendertheorie mindestens marginalisiert wird, wenn man die binäre Unterscheidung von „männlich“ und „weiblich“ und mit ihr auch die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ als bloßen Effekt einer herrschenden „kulturelle[n] Matrix“...
12. Januar 2021
Kübra Gümüşays Buch „Sprache und Sein“[1] sei „frisch wie der Morgentau“, schwärmte „Die Zeit.[2] Es sei ein „kluger Essay von literarischer Qualität und politischer Kraft“, lobte die „Neue Zürcher Zeitung“.[3] Als „leidenschaftliches, elegant geschriebenes, dringliches Plädoyer“ empfahl es Robert Habeck, einer der beiden Bundesvorsitzenden der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“, und stellte es gemeinsam mit Gümüşay in Theatern,[4] Literaturhäusern[5] und auf...
23. Dezember 2020
Ist es denkbar, daß Bertolt Brecht, Arnolt Bronnen und Ernst Jünger Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre miteinander gesprochen haben? „Natürlich haben die sich getroffen“, meinte Heiner Müller in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“, und erinnerte sich dabei womöglich sogar an eine Passage aus Jüngers Buch „Die Hütte im Weinberg“. Dort konnte man schon 1958 erfahren, daß Jünger und Brecht sich vor dem Zweiten Weltkrieg auf Soireen von Ernst Rowohlt einfanden,...
22. Februar 2020
Wenn der Soziologe Armin Nassehi das jüngste Buch seines Kollegen Andreas Reckwitz bespricht, ist Widerspruch geradezu vorprogrammiert. Nassehi ist u.a. Mitherausgeber des (sehr guten) Luhmann-Handbuchs, und wie Luhmann beschreibt und analysiert er die moderne Gesellschaft als eine funktional differenzierte Gesellschaft, also als eine, die in Teilsysteme ausdifferenziert ist, die alle nach einer nur für sie eigentümlichen Logik operieren: Im Teilsystem Recht wird (idealiter) nur danach...
01. Februar 2020
Zum Jahreswechsel habe ich mich ausgiebig mit den Überlegungen des Soziologen Andreas Reckwitz zum Strukturwandel der Moderne beschäftigt, die mir sehr hilfreich erscheinen, um zum Beispiel die wachsende Zustimmung zu erklären, die sowohl rechtes als auch linkes Identitätsdenken erfährt. Es ist ja offenkundig nicht damit getan, wie etwa der Politikwissenschaftler Mark Lilla nach der Wahl Donald Trumps die Abkehr der Linken von ihren klassischen (ökonomischen) Themen zu beklagen und damit...
10. Oktober 2019
I. Martin Walser, Günter Grass und Peter Handke standen in den letzten Jahren im Mittelpunkt von Skandalen, die eines gemeinsam haben: Medien, die vorgeben Qualitätsjournalismus zu bieten, unterrichteten ihre Leser tendenziös und kümmerten sich nicht um elementare journalistische Sorgfaltspflichten. Solche Vorgänge sind indes nichts Neues. Karl Kraus beklagte schon 1902 eine „Verwüstung des Staates durch die Pressmafia“.[1] Und die Pressekritik in Gustav Freytags 1854...
28. Juni 2019
Ein Beitrag von Michal Esders in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift TUMULT gab mir den Anlaß, mir sein letztes Buch zu kaufen und es zu lesen. Es trägt den Titel „Alphabetisches Kapitel. Über die Ökonomie der Bedeutungen“[1] und zählt zu den anregendsten Beiträgen eines Literaturwissenschaftlers, die mir in den letzten Jahren vor Augen gekommen sind. In den überregionalen Feuilletons wurde es indes nirgends rezensiert. Um kurz zu erläutern, warum es mir sehr gefällt, möchte ich...
18. März 2019
Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 304 S. Es ist keine proustische Genauigkeit, die der Erzähler in Julian Barnes Roman anstrebt, obwohl auch er seine Lebensgeschichte erinnern und erzählen will. Im Gegenteil: Dieses Erinnerungsprojekt ist mit Vorsatz ungenau, und der Erzähler erhebt gleichwohl den Anspruch auf Wahrheit: "[I]ch folge meinen Erinnerungen an die Vergangenheit, ich rekonstruiere sie...
16. Januar 2019
I. Vorbemerkung Es ist überhaupt nichts Neues, wenn in Deutschland die Gefahr einer „Überfremdung“ und die Notwendigkeit einer „Rettung des Abendlandes“ beschworen wird. Es war auch nicht allein dem sogenannten Dritten Reich vorbehalten, jeder Form des Eindringens von „Artfremdem“ in das deutsche Volk einen entschlossenen Kampf anzusagen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts forderte Ernst Moritz Arndt, er wünsche „den germanischen Stamm“ von „fremdartigen Bestandteilen...
28. August 2018
Liebesgeschichten, die glücklich enden, sind in der Literatur sehr selten. Daniel Kampa hat zwar in einem Sammelband für Diogenes („Happy Ends. Liebesgeschichten, die gut ausgehen“; detebe 24161) gleich elf solche Liebgeschichten versammelt (unter ihnen immerhin auch eine von T. C. Boyle), aber in der Hochliteratur dominieren in diesem Sujet wie in der Oper die traurigen oder gar tragischen Enden. Glück ist literarisch wie musikalisch offenbar nicht ganz so ergiebig. Und natürlich...

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