Krähenschwarzer anthropologischer Pessimismus

 

Vorbemerkung

 

„Ein Bewußtsein denkt, was es denkt ‒ das und nichts anderes“, heißt es in einem Aufsatz von Niklas Luhmann.[1] Hirnforscher können inzwischen sagen, welche Gehirnregionen besonders aktiv sind, wenn wir denken. Was wir denken, wenn wir denken, können sie aber nicht beobachten. Beobachten können auch sie nur Kommunikation.

 

Immerhin hat die belletristische Literatur der Neuzeit Formen entwickelt, in denen wir die Simulation eines Bewußtseinsstroms beobachten können. Das Epos kennt sie noch nicht, der Mythos ebenfalls nicht, auch nicht das Märchen. Erst in der literarischen Prosa der Moderne, zuallererst im Roman, wird vorgeführt, was das Bewußtsein macht, wenn es denkt.

 

Beispiele dafür gab es lange vor James Joyces paradigmatischem Roman „Ulysses“. Eines liefert in der deutschen Literatur Goethes "Die Leiden des jungen Werther(s)". Goethe zeigt dort, wie die Welt, in der Werther lebt, sich aus der Perspektive Werthers darstellt ‒ und zwar nur aus der Perspektive Werthers. Man könnte auch sagen: Der Leser erfährt, wie Werther die Welt, in der er lebt, erlebt. So findet er zum Beispiel Wohlgefallen an einer ihm idyllisch anmutenden Szenerie, die sich ihm in dem Dorf Wahlheim bietet. Er setzt sich auf einen Pflug, zeichnet sie, angeblich „ohne das mindeste von dem Meinen hinzuzutun“. Das Resultat bestärkt ihn „in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten“.[2] Wohlgemerkt: Werther sitzt beim Zeichnen nach der vermeintlichen Natur auf einem Pflug, dem naturbearbeitenden Instrument par excellence. Ein Leser, der das Irritierende daran im Gegensatz zu Werther bemerkt, könnte und sollte auf den Gedanken verfallen, daß Werthers Denken im Marxschen Sinne ideologisch ist, nämlich von einem falschen Bewußtsein zeugt.

 

Daß die Darstellung eines dergestalt ideologischen Charakters und also einer problematischen Weltsicht auch die Absicht Goethes war, läßt sich an vielen weiteren Details und einem Vergleich der ersten mit der zweiten Fassung des Romans plausibel zeigen.[3] Gleichwohl bietet seine Rezeptionsgeschichte viele Zeugnisse für eine identifikatorische Lektüre; schon Goethes Zeitgenossen sprachen von einem Wertherfieber. Dabei zeugt es, wie Peter Hacks so schön wie richtig sagte, lediglich von der „vollständige[n] Summe der Eigenschaften, auf die Goethe Zeit seines erwachsenen Lebens mit der empfindlichsten Abneigung erwiderte".[4]

 

Daraus ließe sich lernen, das Denken und die Absichten des Autors und das Denken der von ihm eingesetzten Erzählinstanz sorgsam zu unterscheiden ist. Das gilt selbst bei einem Autor wie Franz Kafka, dessen Werke wie die kaum eines anderen Schriftstellers autobiographisch interpretiert wurden, allen voran seine Erzählung „Das Urteil“, als erstes übrigens von Kafkas Schwester Ottla. Kafka hat das selbst kommentiert. Unter dem Datum des 24.9.1912 notierte er in sein Tagebuch: „Meine Schwester sagte: Die Wohnung (in der Geschichte) ist der unsrigen sehr ähnlich. Ich sagte: wieso? Da müßte ja der Vater auf dem Klo wohnen.“ Die Zahl der Interpreten, die sich davon nicht beirren ließen, ist Legion.

 

„Munin oder Chaos im Kopf“

 

Wer literaturhistorisch dergestalt vorgewarnt ist, sollte vorsichtig sein, bei einem Roman wie Monika Marons „Munin oder Chaos im Kopf“ zwischen Autorin und der Ich-Erzählerin nicht zu unterscheiden. Genau das aber passierte. Janina Fleischer, Kritikerin der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", befand etwa, "die Autorin" gebe sich "in der Figur ihrer Ich-Erzählerin zu erkennen".[5] Und Annkathrin Bornholdt, die das Buch für den Norddeutschen Rundfunk rezensierte, resümierte:

 

"Fundamentalismus, religiöse Gewalt und Terror sind große Themen, über die man offen diskutieren muss, keine Frage. Indem Maron sie aber allein für den sogenannten 'Verlust der gewohnten' Ordnung verantwortlich macht, schlägt sie doch nur in die gleiche Kerbe wie diejenigen, von denen sie sich distanziert und verliert die komplexen Ursachen für die große Verunsicherung in der Gesellschaft aus dem Blick."[6]

 

Nun macht Monika Maron in diesem Buch niemanden für irgendetwas verantwortlich, was auch schon deshalb gar nicht geht, weil es aus einem Bericht der fiktiven fünfzigjährigen Publizistin und nicht wie Monika Maron sechsundsiebzigjährigen Schriftstellerin Mina Wolf besteht, der von dem Auftrag einer westfälischen Kleinstadt handelt, einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg zu schreiben (S. 12), sowie von den Umständen, unter denen sie versucht, diesen Auftrag zu erfüllen. Schwierigkeiten bereitet dabei zunächst, daß sie vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Ursachen nicht viel versteht und die Lektüre von "Büchern, die ich bestellt hatte, und anderen, die Freunde mir empfohlen hatten", zwar das Detailwissen vergrößern, aber dadurch das Verständnis noch nicht verbessern (S. 22).

 

Hinzu kommt obligatorische Zeitungslektüre über die Tagesereignisse wie "einen Terroranschlag in Syrien, Irak, Jemen oder auch in Paris" (S. 14) und das Ansehen der einen oder anderen Fernsehsendung, wodurch Mina Wolf Ähnlichkeiten zwischen der verwirrenden Gemengelage im Dreißigjährigen Krieg und der unübersichtlichen Gegenwart sieht, Ähnlichkeiten, wie sie auf andere Weise auch Herfried Münkler in seiner unlängst erschienenen Geschichte des Dreißigjährigen Krieges konstatiert.[7] Bei Mina Wolf führt all das zu dem im Titel des Romans annoncierten Chaos im Kopf: "die Kriege, die bedrohlichen Bilder in den Zeitungen und im Fernsehen […], alles floss unter dem unbeirrbaren Rauschen des Regens zu einem endlosen Panorama zusammen, in dem ein Bild auf das andere folgte, manche miteinander verschmolzen […]." (S. 67)

 

Hinzu kommt noch etwas anderes, nämlich der Umstand, daß eine verhaltensgestörte Frau in einem Nachbarhaus alle Anwohner damit tyrannisiert, von morgens bis abends Arien auf ihrem Balkon nicht nur laut, sondern noch dazu falsch zu singen. (S. 7) Folge davon ist ein regelrechter Nachbarschaftskrieg über die Frage, wie weit man für derlei noch Verständnis aufbringen muß. Mona Wolf hält sich weitgehend heraus aus diesem Streit, verlegt einfach ihre Arbeit in die Nachtstunden und schläft tagsüber. Dieser zeitverrückte Lebensrhythmus verstärkt naturgemäß eine ohnehin schon bestehende Einsamkeit, die sie mit Selbstgesprächen zu kompensieren beginnt (S. 81). Und so wundert man sich auch nicht mehr, wenn sie zwar behauptet: "Mein Alleinsein wurde mir lieber, je länger es dauerte" – aber sogleich auch gesteht: "Nur Manchmal überkam mich ein kindliches Bedürfnis nach Trost. Ich hätte nicht einmal sagen können, worüber ich getröstet werden wollte." (S. 108)

 

Diese trostbedürftige Schriftstellerin erhält zuweilen Besuch von einer "einfüßige[n] Krähe" (S. 47). Bleibt dieser Besuch einmal aus, ist sie, wie sie einräumt, "auf eine Weise enttäuscht, die ich für einen erwachsenen Menschen selbst als unangemessen empfand" (S. 47): Ja, Sie vergleicht ihre "gerade entflammte Zuneigung zu meiner Krähe" sogar mit der "Obsession der Sängerin" in ihrer Nachbarschaft und stellt fest, sie sei "von gleicher Art" (S. 52). Soweit man sich um den Geisteszustand von fiktiven Romanfiguren sorgen muß, gibt der Geisteszustand von Mina Wolf von dem Moment an tatsächlich zur Sorge Anlaß, als sie erstmals erklärt, die sie besuchende Krähe spreche mit ihr (S. 89) und behaupte von sich, sie sei Gott (S. 116).

 

Im Gespräch mit der Krähe, die Mona Wolf Munin nennt, weitet sich das Bild menschlicher Gewaltsamkeit nochmals. Zu Ereignissen, die nichts miteinander zu tun haben, aber auf unterschiedliche Weise doch alle gerade zu Mina Wolfs Leben gehören – der Nachbarschaftsstreit, die Greuel des Dreißigjährigen Kriegs, die Nachrichten aus den aktuellen Kriegsgebieten der Welt – fügt die Krähe noch die Erinnerung an die Euthanasie von Geisteskranken während der NS-Zeit hinzu und prognostiziert, der demographische Wandel werde dazu führen, daß man alte Menschen umbringen oder einfach sterben lassen werde. "Es gibt", stellt die Krähe mit krähenschwarzem anthropologischen Pessimismus fest, "keine Grausamkeit, zu der ihr [Menschen] nicht fähig wärt." "Willst du wissen", fragt die Krähe sodann, "wie es weitergeht". "Nein", antwortet Mona Wolf, "es reicht" (S. 114). Wenig später trinkt sie ihren vierten Gin Tonic, weil sie derlei metaphysische Diagnosen und Prognosen, ohne Alkohol gar nicht aushält (S. 112 u. 117).

 

Was Mona Wolf von der Krähe zu hören sicher ist, ist Folge und zugleich Ausdruck des Chaos in ihrem Kopf. Das Tier spricht natürlich nur in ihr, was ihr selbstverständlich "unheimlich" ist (S. 220). Anders, nämlich Luhmann nochmals wiederholend formuliert: Ihr Bewußtsein denkt, was es denkt ‒ das und nichts anderes. Und wie das Beispiel Mona Wolfs lehrt, unterliegt solches Denken nicht dem Wollen, sondern es stellt sich ein. Damit ist nichts über die Richtigkeit dessen, was da gedacht wird, gesagt, nur über die beängstigenden Wirkungen die es auslösen kann.

 

Mona Wolf ist klug genug, nur ihrer besten Freundin von den Gesprächen mit der Krähe Munin in ihrem Kopf zu erzählen, und sie hat sich auch ansonsten, anders als ihre Arien schmetternde Nachbarin, ganz gut im Griff, fällt nicht auf und niemandem zur Last. Von ihr zu erwarten wie die Kritikerin Annkathrin Bornholdt von Monika Maron, sie möge doch bitte die komplexen Ursachen für die große Verunsicherung in der Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren, ist putzig. Vielleicht kann Frau Bornholdt diese komplexen Ursachen ja mal gelegentlich kurz erklären. Mona Wolf könnte das nicht. Daß sie es nicht kann und warum sie es nicht kann, ist ja gerade das Thema des Buchs, das von ihr handelt. Mona Wolf ist schon froh, für ihren Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg durch den zielführenden Umweg über die Auseinandersetzung mit Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht "Die Krähen"[8] am Ende doch einen sie befriedigenden Zugriff gefunden zu haben (S. 188), einen, der ihr dann auch ermöglicht, den Aufsatz abzuschließen. Und Monika Maron? Ja, auch sie bleibt dem Leser zur Erklärung mancherlei komplexer Ursachen etwas schuldig, ungefähr soviel wie Goethe in "Die Leiden des jungen Werther(s)" und Kafka in "Das Urteil".

 

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Frankfurt am Main: S. Fischer 2018. 20 Euro.

 

 

[1] Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. 3. Aufl. Wiesbaden 2015, S. 43.

 

[2] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Erstes Buch, Brief vom 26.5.

 

[3] Vgl. Dirk Grathoff: Der Pflug, die Nußbäume und der Bauernbursche. Natur im thematischen Gefüge des Werther-Romans. In: Goethe Jahrbuch 102 (1985), S. 184-198.

 

[4] Peter Hacks: Werke, Bd. 13. Berlin 2003, S. 210

 

[5] www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Monika-Maron-polarisiert-mit-einem-Roman-ueber-Krieg-in-den-Koepfen

 

[6] https://www.ndr.de/kultur/buch/Monika-Maron-Munin-oder-Chaos-im-Kopf-,munin102.html

 

[7] Vgl. https://gunther-nickel.jimdo.com/2017/10/28/strategischer-imperativ/

 

[8] www.wortblume.de/dichterinnen/kraehen.htm